Mein erstes Mal …

10/03/2019 0 Von Thoralf Anders

Diesen Beitrag habe ich nach meinem ersten Marathon in München am 14. Oktober 2013 geschrieben. Er wurde leicht gekürzt in der Oktober -Ausgabe der Runner’s World 2014 in der Rubrik „Mein erstes Mal“ veröffentlicht.

Zieleinlauf im Münchener Olympiastadion

Als ich am 01. August 1980 gebannt vor dem Fernseher saß und den zweiten Olympiasieg von Waldemar Cierpinski live verfolgte, als der Sportreporter Heinz-Florian Oertel die legendären Worte „nennen Sie Ihren Sohn Waldemar“ ins Mikrofon rief, regte sich in mir ein kleiner Traum: einmal im Leben einen Marathon laufen. Und das, obwohl ich im Schulsport beim Ausdauerlauf regelmäßig versagte.

Der Traum musste noch ganze 33 Jahre warten. Aber erst einmal der Reihe nach.Wie gesagt, in der Schule war Laufen nicht wirklich meine Stärke. Die 3 km, welche wir regelmäßig auf Zeit laufen mussten, waren mir immer ein Greul. Und nur den motivierenden Anfeuerungsrufen unseres Direktors habe ich es zu verdanken, dass ich in dieser Disziplin nicht durch die Sportprüfung fiel. Ich war zwar Letzter, rette mich aber gerade so auf eine 4. Als ich im Sommer 1988 zur Armee kommen sollte, hatte ich im Vorfeld mächtig Angst vor den dort anstehenden sportlichen Herausforderungen. Insbesondere die von älteren Freunden, welche den Armeedienst schon begonnen, oder hinter sich hatten, in Aussicht gestellten Waldläufe ließen eine gewisse Panik in mir aufkeimen.

Also kaufte ich mir ein paar schicke Laufschuhe (damals noch aus Leder!) und machte mich auf den Weg um ein Läufer zu werden. So steigerte ich mich von einem zum anderen mal und ganz langsam machte mir der Ausdauerlauf sogar Spaß. Bis ca. 10 km liefe ich vorwiegend auf Asphalt und nahm sogar an einem 3-Km-Friedenslauf teil (sozusagen mein erster Laufwettkampf). Die Armeezeit bewältigte ich dann in Bezug auf das Laufen ohne Probleme und lief auch noch die ersten Jahre nach der Wende mehr oder weniger regelmäßig, Distanzen zwischen 3 und 10 Kilometer.

Als dann Mitte der 90er Jahre das Arbeitspensum immer mehr wurde (man wollte ja Karriere machen), gingen auch die sportlichen Ambitionen Stück für Stück den Bach hinunter. Der Traum vom Marathon wurde Stück für Stück unter ca. 40 Kilogramm Bauchfett begraben. Aber wie das so ist, wenn Männer in die Jahre kommen, regte sich auch bei mir jenseits der 40er-Marke ein gewisser Widerstand. Also wieder Laufschuhe gekauft und ab auf die Piste. Nach ein paar ambitionierten Versuchen, die immer wieder im Winterschlaf versackten, ist es mir dann im Sommer 2011 endlich gelungen die 40 Kilogramm Übergewicht loszuwerden und die Laufschuhe auch im Winter zu schnüren. Am 31.12.2011 dann mein erster Wettkampf der „Neuzeit“ beim Silvesterlauf in Bamberg über 6 km. Und ganz langsam, am Horizont, da flackerte er wieder auf, zuerst ganz zart und heimlich und nach den ersten Läufen über 10 und 21 km immer stärker: da war er wieder, der Traum vom Marathon.

Im Frühjahr 2013 habe ich mich dann für den München-Marathon angemeldet und darauf hin trainiert. Die letzten 12 Wochen vor dem Lauf, ein Marathon spezifisches Training absolviert. Leider habe ich mir dann 3 Wochen vor dem Wettkampf eine kleine, aber hartnäckige, Erkältung eingefangen und so mussten leider zwei der geplanten längeren Läufe erheblich kürzeren Einheiten weichen. Also war ich nur suboptimal auf den Lauf des Jahres vorbereitet und ging dann doch mit viel Respekt und einigermaßen „vollen Hosen“ an den Start. Nachdem wir, meine Frau und mein Sohn begleiteten mich nach München, am Sonntagmorgen das Hotel verließen und es in Strömen regnete, hatte ich eigentlich schon fast die Nase voll. Sollte es laut Wetterbericht nicht der schönste Tag der Woche werden? Naja, die Hoffnung stirbt zuletzt und so fuhren wir mit der U-Bahn zum Olympiazentrum, wo dann doch die Sonne auf uns wartete und zur Versöhnung strahlte.

Pünktlich, 10 Minuten vor dem Start, kamen wir an der Ackermannstraße an, noch schnell ein Foto, ein Küsschen und ich mischte mich unter das bunte Laufvolk. Der Startschuß (der eher einem Kanonendonner glich) ließ nicht lange auf sich warten und die imposante Menge setze sich in Bewegung. Die ersten Meter war es noch etwas eng, aber spätestens beim Lauf auf der Ludwigstraße, vorbei an den ersten Sehenswürdigkeiten entzerrte sich die Läuferschaar und ich konnte ruhig mein Tempo laufen. Als Nächstes ging es dann in Richtung englischer Garten, wo eine relativ lange Strecke durch die wunderschöne, herbstliche Landschaft zurückzulegen war. Bei Kilometer 10 lag ich absolut im Plan und fühlte mich gut, dass machte Hoffnung für mehr. Also weiter durch den Englischen Garten bis Kilometer 15 und anschließend über die Isar in den Münchener Osten. Plötzlich, ca. bei Kilometer 16, machte sich mein Knie unangenehm bemerkbar. Also nahm ich etwas Tempo raus, um den Erfolg nicht zu gefährden. Beim Halbmarathonstart wurde wieder die Zwischenzeit genommen und ich lag nun etwas hinter meinen Erwartungen zurück. Aber man ist ja flexibel und so schraubte ich meine Zielzeit etwas zurück und lief im Knie schonenden Tempo weiter. Ich hatte mir die Strecke in 7-Kilomter-Abschnitte eingeteilt, also rein mental waren 6 Runden a 7 Km zu bewältigen. Bei Km 28 waren es dann derer nur noch zwei. Jetzt noch 7 Km und dann kommt der „Mann mit dem Hammer“ dachte ich mir. Auch wenn ich nun etwas langsamer lief und ich mich in Punkto Herzfrequenz und Lunge nicht übermäßig belastete, so wurden die Beine dennoch langsam immer schwerer. Im Training war das zwar auch schon so, aber da bin ich lediglich bis 30 Km gelaufen und nun, bei Kilometer 30 waren es ja immer NOCH ganze 12. Oder waren es NUR noch zwölf? So recht wusste ich nicht, was ich davon halten sollte. Wird das heute noch was, oder muss ich ins Ziel wandern? Das ich ankommen würde, hatte ich zu diesem Zeitpunkt schon definitiv auf dem Zettel, aber in welcher Zeit? Die 4:30 Std., welche ich mir im Vorfeld als Ziel gesetzt hatte, waren aus meiner Sicht nicht mehr möglich und auch eine Zeit unter 5 Std. schien schon sehr knapp zu sein. Aber was soll`s. Zähne zusammen beißen und weiter geht’s. Ab Kilometer 31 ging es dann wieder mehr in die Innenstadt, vorbei an interessanten, historischen Bauten. Vieles davon kannte ich noch gar nicht und habe mir fest vorgenommen, all diese Dinge mal frisch gewaschen in Jeans und T-Shirt zu besuchen. Ab dem 32. Kilometer ging es meinem Knie dann zusehends besser. Oder lag es daran, dass die noch zurückzulegenden Kilometer nun einstellig wurden? Jetzt waren es ja schließlich „nur“ noch 9, noch 8, noch 7… Bei Kilometer 35 lugte ich vorsichtig um die Ecke, aber den Mann mit dem Hammer
konnte ich nicht sehen. Schließlich hatte ich mich ja die letzten 20 Kilometer etwas „ausgeruht“ und griff noch einmal an. Die Zeiten wurden nun wieder besser und so überholte ich Läufer, die mich vor zwei Stunden selbst überholt hatten und von denen ich die ganze Zeit nichts mehr gesehen habe. Aha, dachte ich mir, das sind also die, welche mit dem „Hammermann“ Bekanntschaft gemacht haben. Aber ich hatte keine Zeit um sie zu trösten. Jeder läuft für sich allein, gegen die Uhr und den inneren Schweinehund. Auf den letzten 2 Kilometern, man konnte den Fernsehturm und das Olympiagelände schon sehen, hatte ich noch sehr nette Begegnungen mit französischen und englischen Läufern. Wir feuerten uns gegenseitig an uns freuten uns auf den Zieleinlauf.
Und wie so oft: das Beste kommt zum Schluss! Nach der letzten Kurve vor dem Olympiastadion tauchte es dann auf: das große Marathontor. Wir wurden begrüßt mit Musik und Blitzlichtgewitter, eine mystische Stimme verkündete, dass es nun nur noch 350 Meter bis zum Ziel sind. Ein sehr emotionales Gefühl ergriff mich, so etwas zwischen vor Freude weinen und laut Schreien wollen, aber dazu war ich gerade nicht in der Lage. Schon tauchte der Innenraum vom Olympiastadion auf und mehr Zuschauer, als ich erwartet hatte, saßen auf den Tribünen und feuerten ihre Athleten an, sobald sie diese zwischen den Läufern erkannten. Ich hörte eine Stimme rufen: „Papa, Papa!“ und erkannte erst meine Frau und dann meinen Sohn und meine Eltern, welche mir von ihren Plätzen zujubelten. Ich wedelte wie verrückt mit den Armen, straffte meinen Körper und rannte noch ein wenig schneller. Nun noch schnell das Ziel überqueren und mein erster Marathon war geschafft. Ein Lebenstraum ist in Erfüllung gegangen. Wer hätte das vor 33 Jahren gedacht

Und die Zielzeit? Die ist jetzt auch egal. Aber so was von!

Hier geht’s zum Original-Artikel der RW 10.2014